Mesake

24 Stunden zuvor laufen Lukas und Ich noch etwas gestresst durch den Tumult Suva`s ohne eine Vorstellung, wie die kommenden Tage aussehen könnten, nun aber sitzen wir in einer kleinen Hütte eines weit abgelegenen Dorfes der Fiji Inseln und spielen Vidi vidi, ein wohl traditionelles Spiel der Kinder auf dieser Insel! Wir sind etwas überfordert, weil das ganze Dorf uns scheinbar sehen und mit einem lautem „Bula Bula“ (dem traditionelle Gruß auf den Fiji`s) und lautem Lachen die Hände schütteln will, sehr zum Leidwesen meines Fingers, den ich mir dummerweise beim Abrutschen von dem Seil, mit dem wir uns in die Quellen schwangen, auf irgendeine Art und Weise verletzt hatte. So sitzen wir da und warten, bis das Essen fertig war.

Wie kommen wir dazu?

Das ist der Punkt, der sich schnell und einfach erklären lässt. Unter den vielen netten Helfern, die wir auf unserem Weg und an der Busstation selbst hatten, befand sich Mesake, der uns fleißig half und dann auch zu sich einlud. Nachdem wir dann am darauf folgenden Tag, außer den Quellen, nicht wirklich Ideen hatten für die kommenden Tage, beschlossen wir trotz unserer Skepsis, der Einladung zu folgen und das Dorf zu besuchen. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass die Herzlichkeit, mit der man uns behandelte uns erst überraschte, dann freute und dann unsicher machte. Es ist wohl doch etwas ungewohnt für mich, wenn sich mein Gastgeber dafür bedankt, dass wir in sein Dorf gekommen sind und sein Essen annahmen. Ebenso schien unser Gastgeber von unserer überwältigt dankbaren Haltung verwirrt zu sein und uns nicht so recht glauben zu wollen, dass es ebenfalls für uns eine Ehre war sie besuchen zu dürfen und, dass uns ihre Speisen alle schmeckten. Das sorgte dann hin und wieder für recht peinliche aber nicht weniger lustige Momente! Die Kinder allerdings sahen keine kulturellen Unterschiede zwischen uns. So gab es für uns keine vorsichtige Einführung, sondern wir haben sofort gespielt und gekämpft, als ob man sich schon sehr lange kennen würde.

Gegen Abend sitzen wir dann in der oben beschriebenen Situation und essen einheimische Früchte und ein wenig Kuchen. Dann ruft uns Mesake zu sich. Wir setzen uns mit ein paar anderen Dorfbewohnern um eine hölzerne Schale, die gefüllt ist mit einer Flüssigkeit, die ich eigentlich als einfaches Matschwasser beschrieben hätte. Mesake erläutert uns kurz die Tradition sich abends gelegentlich mit Freunden und, in unserem Fall, Gästen zusammen zu setzen und „Kava“ zu trinken. „Kava“ ist ein traditionelles Getränk und besteht aus Wasser und dem Saft von einheimischen Wurzeln. Theoretisch soll dieses Getränk den Alkohol, wofür man auf der Insel horrende Preise zahlen muss, ersetzen und ein angenehm ruhiges Gefühl bewirken.( Da fast alles importiert werden muss, darf man für eine Flasche handelsüblichen Jack Daniels gerne umgerechnet etwa 80€ zahlen)  „Praktisch wie Marihuana“ sagte man uns. Das dieses Getränk bei Lukas und mir komischerweise, bis auf eine leicht taube Zunge, keinen Effekt hatte, blieb uns ein Rätsel. So saßen wir dann da, bis man dummerweise auf meinen kaputten Finger zu sprechen kam, und ein Dorfbewohner mich fragte, ob er mal sehen dürfte. Dass ich ihm meinen Finger nicht hätte zeigen sollen, bemerkte ich erst, als er zu meinem Entsetzen meine Hand fest packte und mit einem Ruck den Knochen wieder in die richtige Position setzte. Naja ob der Finger nun gebrochen war oder nicht, nach kurzen Kreislaufproblemen, wie Schwindel und einen Schweißausbruch, fühlte sich mein Finger tatsächlich etwas besser an. Zu Lukas und meiner Belustigung sorgte der kurze Zwischenfall dafür, dass ich in den kommenden Tagen nur noch recht kleine Schüsseln an Kava bekam, da sie meine Reaktion wohl dem Getränk zusprachen und nicht den Schmerzen an meinem Finger. Offensichtlich hatte ich mein Entsetzen und die Schmerzen, bis auf die unkontrollierte Reaktion, recht gut verbergen können.

Die folgenden Tage blieben recht ähnlich und bestanden aus den regelmäßigen Mahlzeiten, netten Spielrunden mit den Kindern, Erkundungstouren durch das kleine Dorf, Einer Dorfversammlung und abendlichen Kavarunden mit einigen Bewohnern und lautem Gesang.

Mir im Gedächtnis geblieben sind mir besonders einzelne Merkmale, die unserer Kultur recht ähnlich oder sogar voraus sind und solche, die wir aus unserem Wertesystem heraus nicht verstehen oder sogar verurteilen würden. Erst einmal fällt jedem Besucher unweigerlich der sehr starke Zusammenhalt, sowohl in unserem Dorf aber auch auf der gesamten Insel auf. Gegenstände werden ausgetauscht oder hergegeben ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Wenn ich etwas brauche, kann ich zu Nachbarn aber auch zu einem anderen Dorf gehen und diese um Aushilfe bitten. So scheinen sich alle Einwohner gegenseitig zu vertrauen, ob nun aus derselben Stadt oder aber von der entgegengesetzten Küste der Hauptinsel. Auswirkung, Ursache und natürlich Symptom dieser Lebensart, scheint auch das fast völlige Fehlen von Diebstahl zu sein. So haben Lukas und ich unsere Angst und Vorsicht um unser Gepäck recht schnell abgelegt. Ich weiß, dass ist in einem so bevölkerungsreichen Land, wie Deutschland ein recht naiver aber nichts desto trotz ein schöner Gedanke, dass es so funktionieren kann.

Etwas, das so ein wenig die Kehrseite des starken Zusammenhalt sein könnte, ist das überwiegend vorhersehbare Leben der Einwohner. Die Vorstellung, dass durch meine Geburt als Frau oder Mann, mein Leben scheinbar einen recht klaren Weg hat und wenig Entscheidungen übrig bleiben, hat mich selbst wohl ziemlich frustriert, wo ich doch aus einem Land komme, wo man sich vor Entscheidungen, die meine Zukunft prägen, schon im jungen Alter kaum retten kann. Was mich verwundert hat ist, dass, obwohl die Aufgaben recht klar aufgeteilt sind für Frauen und Männer, die Gleichberechtigung scheinbar recht wenig darunter leidet. So scheinen die Frauen die Männer zurecht zu weisen, einen großen Stolz gegenüber denen zu haben und sowohl in der Schule als auch bei den Dorfversammlungen ihren Platz zu haben und mitzugestalten.

Ein Punkt, der mich jedoch absolut schockiert und daran erinnert hat, dass nicht alles vorbildlich ist an ihrer Kultur, ist die Tatsache, dass es Orte gibt auf dieser Welt, wo Beziehungen im 21 Jahrhundert immer noch nicht aus Liebe entstehen und Frauen wohl schon meist kurz nach Beginn ihres 14. Lebensjahr geschwängert werden dürfen und auch werden. Das ist ein Punkt, der zu meinen Vorstellungen  so konträr gegenüber steht, wie nur irgendwie möglich und mich sehr schockiert hat. Auch als ich diese Themen angesprochen habe und mir auf verschiedenen Wegen versucht worden ist diese Lebensweise nahe zu bringen, wurden mir diese Umstände nicht weniger abscheulich geschweige denn sogar sympathisch. Als wir gingen, schienen beide Seiten etwas verwirrt von dem sehr intensiven Aufeinandertreffen und wir waren deshalb zwar dankbar diese Erfahrung machen zu dürfen aber auch froh diese Episode abschließen zu können.

So verließen wir das Dorf und kehrten in das bekannte aber etwas weniger aufregende Umfeld, der Backpacker in unserem Resort zurück, bis wir die Hauptinseln verließen und auf eine kleine Insel namens Kuata Island zusteuerten.

Ich hoffe natürlich wie immer, dass ich euch einen kleinen Einblick in unseren Besuch geben konnte. Wichtig ist mir klar gestellt zu haben, dass Lukas und ich die Kultur und Lebensweise dieser Menschen zwar kurz beobachten und miterleben konnten, es mir aber fern liegt zu behaupten, dass wir sie vollständig erfasst und verstanden hätten und sie darüber hinaus als Ganzes zu bewerten. Somit bleibt dieser Eintrag, wie eigentlich alle meine Erzählungen, subjektiv und ist gibt kein klares Bild dieser Kultur ab. Es sind meine Erfahrungen und Eindrücke. Viele Liebe Grüße Coco

Natürlich wie immer ein paar Bilder

Kava

Mesake Lukas und Ich bei der monatlichen Dorfversammlung
Lukas versucht verzweifelt vor der Dorfversammlung den traditionellen Rock richtig anzuziehen
Die Dorfversammlung
Unsere kleine Dorf tour

 

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